Der Schlüssel gleitet problemlos in das Schloss, ganz so, als wäre ich nie weg gewesen. Das leise Trrrr, das die Schlüsselzargen beim Hineingleiten verursachen, fühlt sich toll an und bringt meine Fingerspitzen zum Vibrieren. Ich schließe auf und betrete meine Wohnung zum ersten mal seit über sieben Jahren.
Es riecht muffig. Sofort lege ich das Plastiksackerl in meiner Hand ab und öffne alle Fenster um frische Luft hereinzulassen. Meine Schwester war so nett, sich um alles zu kümmern, während ich weg war. Nachdem die Wohnung mir gehört, gab es auch nicht allzuviel an Kosten, die sie zu übernehmen gezwungen war. Anscheinend hatte sich meine Familie Gedanken über eine Bleibe für mich gemacht, für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich das Spital, oder die Anstalt, wie ich es bezeichnete, jemals wieder verlasse. Sie nahmen wohl an, dass ich mich nach all den Jahren in meinen eigenen vier Wänden am wohlsten fühlen würde.
Nun, sieben Jahre nach meinem Ausraster an der Ampel, gelte ich als geheilt, rehabilitiert und fähig, wieder auf die Menschheit losgelassen zu werden. Ich setze mich auf meine Couch und bemerke ein Kuvert auf dem kleinen Beistelltischchen daneben. Ich öffne es und lese die Karte, die sich darin befindet, laut vor.
– Willkommen daheim! Schön, dich wiederzuhaben. Deine Familie
Der von diversen Medikamenten entstandene Schleier der mich umgibt und den nur ich wahrzunehmen scheine, beginnt kaum spürbar zu pulsieren und zartrosa zu leuchten. Es sind regelrechte Hämmer, die ich zu mir nehmen muss, damit ich funktioniere. Dr. Klara hat mir versichert, dass alles gut bleiben würde, solange ich nur meine Medikamente nehme.
Nicht vernachlässigen, hat sie gesagt.
Nicht absetzen, hat sie gesagt.
Alles Gute, hat sie gesagt.
Ich lege die Grußkarte auf den Tisch, stehe auf und hole mir das Plastiksackerl, das immer noch im Vorzimmer liegt. Ich öffne diverse Pillenschachteln und drücke mir an die zehn unterschiedlichen Tabletten in allen möglichen Farben in die Handfläche.
Die Membran um mich herum verfärbt sich zu einem satten lila, als ich mir das bunte Potpourri in den Mund werfe. Ich hole eine Dose Gösser aus dem Sackerl, öffne sie knackend und spüle alles hinunter. Pillen und warmes Bier. Herrlich.
Nachdem ich einige Kissen in die Ecke meiner Couch gedrückt habe, mache ich es mir mit dem Rest meines Biers gemütlich und verfolge verzückt das Farbengewitter, das die Medikamente um meinem Kopf herum verursachen.
Es ist gut, wieder draußen zu sein. Im Freien.
Dort, wo das Leben ist.
Dort, wo die Menschen sind.
Während ich an meiner Dose nuckle, beginnen zuerst kaum merkbar und langsam, dann immer schneller und den gesamten Raum in grelles Licht tauchend, Dutzende Rasierklingen kreisförmig um meinen Kopf herum zu flimmern, ganz so als würden sie einen Freudentanz aufführen und meine Rückkehr feiern.
Entspannt schließe ich meine Augen und lächle zufrieden.
Ja. Ich bin zurück.